Computerarbeit

The rest of this entry is in German. If you don’t read German, I’m sorry… sometimes, one of my German writing friends will start a conversation in that language, and it would make no sense whatsoever to switch languages back and forth — unless you happen to read both. There will be no English transalation.

Norman Liebold philosophiert ueber das Handschreiben, und schliesst, dass durch Arbeit am Computer dem Endergebnis etwas verloren geht. Hier meine Reaktion darauf.

Unfug!

Bei einem so langen Text musste ich mit einem Widerruf beginnen, bevor ich mich der Argumentation widme.

Ich verstehe genau, was Du meinst, denke aber dass Du zwei Dinge miteinander vermischst, die man getrennt betrachten sollte. Da ist zum einen das Denken, das vonnöten ist, einen kreativen Akt wie Schreiben zu vollziehen. Auf der anderen Seite steht das das Handwerk an sich.

Der grösste Teil Deines Textes beschäftigt sich damit, dass das Handwerk des Schreibens trivialisiert wird, wenn wenig Mühe in den Akt investiert wird. Daraus schliesst Du — und den Schluss halte ich für zu schnell — dass ebensowenig Mühe in das Denken gesteckt wird, ja werden muss.

In der Tat muss ich, wenn ich handschriftlich einen Text verfasse, mir vor dem Schreiben zumindest eines einzelnen Satzes die Gedanken darüber machen, wie genau das Resultat auszusehen hat, das ich mir erhoffe. Dann schreibe ich.

Tippe ich den gleichen Text am Computer, mache ich mir genau die gleichen Gedanken. Der Computer denkt dabei nicht für mich – das heisst, von einer Auslagerung des Denkens kann nicht gesprochen werden. Was der Computer tut ist, meine Gedanken zu visualisieren. Er erlaubt mir dadurch, mein Kurzzeitgedächtnis auszulagern.

Das Kurzzeitgedächtnis hält je nach Mensch so um die vier bis neun Einträge, nach heutigem Stand der Wissenschaft, wobei jeder Eintrag beliebig komplex sein kann. Das ist wie mit Deiner vielgeliebten Symbolik: Anstatt mein Kurzzeitgedächtnis mit minutiösen Beschreibungen zu überfüllen, wie ein idealisierter Geschichtenerzähler zu funktionieren hat, nennt man ihn einfach Nahtegal und hat damit alles zusammengefasst, was man meint.

Der Computerbildschirm dient dazu, das Kurzzeitgedächtnis freizuhalten, und die minutiöse Beschreibung dennoch vor Augen zu halten. Er ermöglicht einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf das Ergebnis des bisherigen Denkens. Man könnte sagen, er befreit die Gedanken.

Der Computerbildschirm dabei aber auch nichts besonderes. Als ich kürzlich einen Bekannten bat, mir ein Logo für ein Computerprogramm zu entwerfen, dass ich für einen Wettbewerb fertigstellte, überraschte mich dieser Mensch mit 21 handgezeichneten Skizzen, bevor er überhaupt erst begann, sich Gedanken über die Detailarbeit zu machen.

Ich bin mir sicher, dass der Gute mit dieser Methode nicht alleine da steht. Was mich eigentlich überraschte war nicht die Tatsache dass er Papierskizzen anfertigte, sondern dass man normalerweise von Künstlern eher eine Vorauswahl aus seinen Skizzen präsentiert bekommt. Wobei sich bei genauerem Hinsehen ergab, dass dies hier auch der Fall war. Daheim in seinem Skizzenbuch existeren wohl noch einige Skizzen mehr.

Ich denke, der Begriff “Skizze” ist genügend alt und genügend bekannt, um zu verdeutlichen, welche Rolle der Computer hier einnimmt. Daher möchte ich mich gar nicht weiter darüber auslassen.

Allerdings bestehen Unterschiede zwischen der Skizzierung am Computer und auf dem Papier, nämlich in der Geschwindigkeit und im Verwerfen.

Je nachdem, von welcher Kunstform man spricht, ist eine Skizze schneller von Hand oder am Computer anzufertigen. Texte tippe ich bspw. schneller am Computer — müsste ich hingegen eine bildliche Skizze anfertigen, wären Papier und Stift das bequemste Medium.

Somit ist — zumindest was mich angeht — die Geschwindigkeit stark abhängig vom Kontext, und kein wirklich typischer Unterschied zwischen Computer- und Papierarbeit. Das heisst, natürlich besteht dieser Unterschied, ist aber nicht auf die Arbeit mit dem einen oder anderen Medium verallgemeinbar.

Der zweite Unterschied, das Verwerfen, ist in der Tat deutlicher: wenn ich versuche, meine Computerskizze zu verfeinern, dann verwerfe ich immer meine vorherige Arbeit. Es ist schwierig — nicht unmöglich — eine Verzweigung in meiner Arbeit später nachzuvollziehen.

Mit einer Verzweigung meine ich hier, dass ich ausgehend von einer Papierskizze beispielsweise zwei Varianten dieser Skizze zeichnen würde, um mir vor Augen zu halten (noch so ein alter Ausdruck der die Arbeitsweise beschreibt), welche Variante besser gefällt. Verwerfe ich immer meine vorherige Skizze mit jeder neuen, ist dies schwerer, und der Fortschritt nicht so deutlich nachvollziehbar.

Es ist natuerlich immer möglich, diese Form des Arbeitens auch am Computer zu vollziehen, die Bedienoberfläche der Programme, die wir verwenden, bietet sich dafür allerdings nicht gerade an.

Möchte man mit aller Gewalt die Arbeit am Computer kritisieren, so könnte man also die These aufstellen, dass die Vielfalt der Variationen eingeschränkt wird, die man beim skizzieren durchläuft — weil das unwiderrufliche Verwerfen viel zu einfach ist. Oder das Erstellen und Vergleichen verschiedener Varianten viel zu schwer, wie man das auch immer sehen mag.

Ersetzt Computerarbeit damit den Denk-Teil des kreativen Prozesses – oder wir das Denken ausgelagert? Mitnichten, das bleibt meines Erachtens weiterhin Unfug.

Die Veränderung der Vorgehensweise ist hingegen nicht zu leugnen – allerdings vermute ich, dass persönliche Neigungen, die gewählte Kunstform, Mondphasen und alles mögliche andere eine grosse Rolle dabei spielen, ob das Ergebnis wirklich beeinträchtigt wird.